Inszenierung alles Negativen: Synecdoche, New York

Für mich gab es in der vergangenen Woche ein Paradestück, wie die Filmauswahl für ein bestimmtes Thema in diesem Blog auszusehen hat. Auf dem Spielplan stand ein Film, in dem Realität und Fiktion verschwimmen, der diesen Schwebezustand zwischen zwei Welten zum Hauptgegenstand hat. Und mit Synecdoche, New York hätte es tatsächlich kaum einen anderen Film treffen können, der dieses Kriterium mehr erfüllt.

Das Problem an dem Streifen ist nur, dass der Film nach einer guten halben Stunde – kaum ist die Premiere von Arthur Millers Death of a Salesman, die Hauptfigur Caden Cotard als Theaterregisseur inszeniert hat, zu Ende beklatscht – nach links in Richtung Fiktion abbiegt, während Konsument A – also ich – doch viel lieber noch ein Stück geradeaus gefahren wäre, um zumindest eine Chance zu haben, Charaktere und Geschichte noch irgendwie greifen zu können. Um den hier folgenden Abriss der Handlung, mit dem ich Konsument B – also dem Leser – diesen Wunsch erklären möchte, in irgendeiner Form verständlich zu gestalten, folgt nach bester Theatermanier ein Personenverzeichnis der wichtigsten Charaktere.

Die Personen

Caden Cotard – Theatermacher, Hypochonder, Patient, Vater, und letzteres eher schlecht als Recht.
Adele, seine Frau – Künstlerin mit Spezialisierung auf Makro-Gemälde, praktizierende Bigamistin, eine noch schlechtere Mutter.
Olive, die gemeinsame Tochter – anfangs 4 und offenbar körperlich krank, später tätowiert, meist nackt und offenbar geistig verwirrt.
Claire, seine vielleicht möglicherweise danach Frau – Schauspielerin, vielleicht möglicherweise Mutter, in dieser Rolle zumindest besser als Adele.
Hazel, seine vielleicht möglicherweise vorher-nachher-sonstwas-Geliebte – Box Office-Lady, Regieassistentin, Bewohnerin eines brennenden Hauses, Mutter und Ehefrau einer irgendwo in der Geschichte verschwundenen Familie.
Sammy, Charakterdarsteller Cadens in seinem vielleicht-Lebenswerk – Schauspieler, Stalker, Halbglatzenträger, Selbstmörder
Was sie alle gemeinsam haben – Völlige Empathielosigkeit sowie auch sonst keine erkennbaren Ambitionen irgendwie menschlich zu wirken. Dazu das Talent, in Situationen zu schlittern, die jeglichem Realismus entbehren.

Rekonstruktionsversuch

Ziemlich viele Vielleichts auf einem Haufen, oder? Und genau dafür sorgt das Abbiegemanöver nach dem kurzen Realitätsanteil, der sich wie folgt zusammensetzt. Caden Cotard lebt zu Anfang mit Frau und Tochter. Er hypochondrisch, Adele desinteressiert, Olive hysterisch. Caden beginnt Affären und beendet derweil die eingangs erwähnte Miller-Inszenierung, für die er ausgezeichnet wird. Adele zieht mit ihrer Freundin Maria (ebenfalls Künstlerin, offenbar dauerbekifft) und Tochter Olive in eine Berliner Künstlerkommune. Soviel zur Handlung um eine Handvoll Unsympathen, deren Bild der Verlauf des Films auch nicht verbessern wird.

Ein Grund dafür ist der Bruch ins Endlosnebulöse, in die „vielleicht-womöglich“-Rhetorik: Der Hauptcharakter kauft sich vom Preis seiner Auszeichnung eine alte Lagerhalle, wo er alsbald beginnt sein Leben in einem künstlichen New York zu inszenieren. Er heiratet nach schiefgegangener Affäre mit Hazel Claire, die ihn nach einiger Zeit ebenfalls verlässt und folglich im Stück neubesetzt werden muss. Hazel holt er danach von Mann und Kindern weg und engagiert sie als seine Assistentin.

Mal sind Jahre, mal Monate vergangen, seit er dieses Lebenswerk gestartet hat, seine Tochter Olive jedoch ist ziemlich durchgängig zum tätowierten Blumenmädchen mutiert, die für deutsche Lüstlinge nackt hinter Plexiglasscheiben tanzt und in lesbischer quasi-musenhafter Beziehung zu Maria lebt, ihrem Vater eine angebliche Homosexualität aber nicht verzeihen kann, als sie auf tragische Weise ihr Leben verliert. Er aber kurze Zeit später auch als ihm seine Vertretungsregisseurin – die taucht auf, als er die Rolle von Adeles Putzfrau Ellen eingenommen hat – die einzige Regieanweisung ins Ohr haucht, die an dieser Stelle noch Sinn ergibt: „Stirb!“ Der Vorhang fällt… Muss ich mehr erklären?

Kunst der Kunst willen?

Ich kann absolut nachvollziehen, dass gerade Drehbuchautoren wie Charlie Kaufmann den Anspruch erheben, ihrem Regiedebüt den gebührenden Paukenschlag zu verpassen. Ich kann gleichwohl nachvollziehen, dass das Mittel und Wege erfordert, die nicht immer Unterhaltungsfilmpotenzial mit sich bringen. Das müssen sie auch nicht. Was ich jedoch nicht nachvollziehen kann, ist die Frage, wie sich Kunstbegriffe manchmal so stark vom eigenen Empfinden unterscheiden können, dass es einem vorkommen mag, als kämen Kunstschaffender und Rezipient von zwei gänzlich unterschiedlichen Welten.

Da mögen Bühnen- und Maskenbild noch so großartig sein, die Geschichte noch so tief in einer Welt spielen, in die sich der Zuschauer hineindenken kann, eine Verbindung zwischen Charakteren und Zuschauer kommt bis zum im wahrsten Sinne bitteren Ende nicht zustande. Eine Tatsache, die dem Film zu einem Erlebnis macht, das ich trotz hochlobender Kritiker nicht wirklich wiederholen muss, nur für den Versuch seinen künstlerischen Anspruch greifen zu können. Fun Fact: Mit Millers Death of a Salesman ging es mir ähnlich. Ob das nun beruhigt oder meinen Kunstverstand nun gänzlich aushebelt, das bleibt wohl offen.


Sandras 3Picks

Sandras Auswahl in dieser Kategorie fiel auf Marc Forsters weitaus positiveren Streifen Stranger than Fiction. Was Felix von dieser Auswahl hält, lest ihr hier.

Was sonst noch zur Wahl stand:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.