Perfektion im Unperfekten: Rope

So ein falsch gewähltes Wort kann zuweilen gefährlicher sein, als jede Waffe. So oder so ähnlich könnte sie lauten, die Moral der Geschichte von Rope (dt. Ein Cocktail für eine Leiche). Die bereits in den 1920ern entstandene Theatervorlage aus der wirklich messerspitzen Feder des englischen Schriftstellers Patrick Hamilton ist wiederum inspiriert von einer wahren Begebenheit – und das ist es, was die ganze Geschichte um das „perfekte Verbrechen“ so fürchterlich morbide wirken lässt.

Wir beginnen mit einem herrlichen Frühlingstag in New York City. Spaziergänger sind auf den Straßen unterwegs, Sonnenstrahlen hüllen die Fassade des Hauses, in dem wir uns für die nächsten anderthalb Stunden befinden werden, in warmes Licht. Dann ein Schrei. Zwei Männer erdrosseln einen anderen, der Körper des Opfers sinkt leblos in sich zusammen. Ein klassischer Auftakt, auf den jeder Sonntagabend-Tatort stolz sein könnte.

Die klassische Erzählung einer Realität gewordenen Cluedo-Runde verwehrt sich Alfred Hitchcock mit seiner bewussten Entscheidung, den Mord an den Anfang zu stellen. Was er daraus gewinnt, ist die Ungewissheit der Zuschauer bis zur letzten Sekunde. Wird der Mord auffliegen? Oder springt der vermeintlich Tote gegen Ende vielleicht doch noch wie durch ein Wunder quicklebendig aus der Holzkiste, in der ihn seine Mörder einen Partyabend lang aufbewahren wollten?

Tatmotiv: Das perfekte Verbrechen

Doch warum das eigentlich alles? Die beiden jungen New Yorker Brandon Shaw und Philip Morgan wollen sich selbst und ihrem ehemaligen High School-Lehrer Rupert Cadell (James Stewart) beweisen, dass es den perfekten Mord wirklich geben kann. Den wiederum beschäftigte zu deren Schulzeit immer wieder die Frage um Nietzsches Theorie des Übermenschen, was vor allem Shaw auf diese Idee brachte. Wenn er – ohne Frage – zu den wenigen Übermenschen zählt, darf er sich schließlich auch anmaßen über Leben und Tod zu entscheiden. Theorie und Freiheit zu deren Beweis, sein Schulfreund David sterben und Philip zum Mittäter werden muss. Nur, dass Cadell das Ganze eigentlich nie so gemeint hat…

So makaber wie das ganze Verbrechen, ist auch die illustre Gesellschaft, die sich um die zum Buffettisch umdekorierte, mit Kerzen und Tischtuch versehene Truhe versammelt. David’s Eltern sind eingeladen, genau wie seine Verlobte, zudem deren ehemalige große Liebe Kenneth. Es ist ein Spiel, in das Brandon Shaw von vorne herein viel zu übermütig hineingeht, um jemals die Chance zu haben, die Partie zu gewinnen.

Ja, wer ist denn nun die Katze?

Für Hitchcock jedoch gerade übermütig genug, als dass er mit Rope einen Film geschaffen hat, der es versteht all seine Talente auf den ersten Blick zu beweisen. Die Tatsache, dass das Ganze in Real-Time abläuft, gab ihm die Möglichkeit quasi ohne Schnitte zu arbeiten. Als erster, der sich dieser Aufgabe künstlerisch auch tatsächlich gewachsen fühlte und daraus mit seinen Darstellern eine Choreografie – filmisch wie sprachlich  – entwickelte, die kaum eleganter sein könnte. Und so wird trotz des alles verratenden Anfangs ein spannendes Katz und Maus-Spiel aus der Frage: „Wo ist eigentlich David?“

Am Ende sehen wir einen geläuterten Rupert Cadell die Pistole aus dem Fenster abfeuern, als er feststellt was seine Thesen, mit einem jungen arroganten Menschen angerichtet haben. Wir fühlen den Kloß im Hals, während wir uns fragen, wer ernsthaft auf solche Ideen kommen und von Übermenschen sprechen kann. Und dann denken wir über Alfred Hitchcock nach, der wirklich so ziemlich alles anfassen und daraus Gold machen kann. Dabei wollten wir doch eigentlich die Sache mit dem Übermenschen gleich wieder vergessen…

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