Das Prinzip Hoffnung: Nanny McPhee

„Ach Gottche, sprach’s Lottche, sieben Kinder und kei’n Mann.“ So ähnlich seufzt der Hesse gern, auch in der Pfalz und im Rheinland klagt man so über allerlei Miseren und Malaise, schier unabdingbare Probleme, die sich irgendwie verselbständigt haben. Wie das ja mit der lieben Familie oft der Fall ist, die man sich, noch ein Sprichwort, anders als seine Freunde, nicht aussuchen kann.

Wie auch das Lottche hat Cedric Brown (Colin Firth) ein Päckchen zu tragen – ein ganz ähnliches und ein recht gewaltiges obendrein. Der Plot in Kürze: Brown, Leichenpräparator und alleinerziehender Vater einer Großfamilie, lebt Ende des 19. Jahrhunderts mit seinen sieben Kindern in einem Landhaus in England. Die Mutter ist verstorben, seine Zöglinge, alle sieben scheinen binnen acht Jahren zur Welt gekommen zu sein, verschleißen mit großem Eifer, mittels deftiger Streiche und Ungehörigkeiten ein Kindermädchen nach dem anderen – bis die magische Nanny McPhee (applaudierenswürdig: Emma Thompson) wie aus dem Nichts auftaucht und alles in Ordnung bringt.

Dem spontanen Gedanken an Mary Poppins kann man sich nicht verwehren. Das Drehbuch, aus der oscarprämierten Feder von Emma Thompson, basiert auf den, zumindest in England hinlänglich kultigen, Geschichten von Christianna Brand, die sich hauptsächlich als Krimiautorin verdient gemacht hat. Und tatsächlich war Brand, geboren 1907 in Britisch-Malaysia, eine Zeitgenossin P. L. Travers‘, der wir die Figur der Mary Poppins verdanken.

Ach Gottchen, sprach Colin Firth

In erster Linie ist „Nanny McPhee“, entstanden unter der Regie von Kirk Jones („Lang lebe Ned Divine!“, 1998), ein visuell-opulenter Streifen, dessen magischer Realismus nur zu gut die kleinen und großen, charmanten Understatements des Films übertüncht. Das beginnt schon mit der Eröffnung, in der ein leerer Stuhl zu sehen ist. Colin Firth lässt uns aus dem Off wissen: „We must begin our story, sad to say, with an empty chair. If it would not be empty we would not have a story. But it is. And we do. And it is time to tell it.“ Genauso wie diese Geschichte also ganz von sich aus, quasi unverursacht sich zu entfalten beginnt, es war nun mal an der Zeit, sucht auch Nanny McPhee die Familie Brown auf, in dem Moment, da es nötig, an der Zeit, ist. So wird sie sie auch später wieder verlassen.

Der leere Stuhl, es war der Platz der verstorbenen Mutter, ist weiß Gott nicht das einzige Problem der Familie. Cedric Brown ist eine liebenswerte Figur und ein liebender Vater, hat aber leider mit Erziehung nichts am Hut. Seinen Kindern gegenüber ist er machtlos. Die Aufmerksamkeit, die sie so lebhaft einfordern, kann er nicht aufbringen. Ihn plagen finanzielle Ängste. Sieben Mäuler sind zu füttern, ein gigantisches Grundstück nebst einigen Nutztieren und zweier Bediensteten zu unterhalten. Der Schmerz über den Verlust seiner Frau sitzt noch tief.

Die Tante, Lady Adelaide Stitch, bemerkenswert verkörpert von der dreifach-oscarnominierten Angela Lansbury („Mord ist ihr Hobby“), setzt dem ganzen das Krönchen auf. Sie erlegt Cedric auf, sich innerhalb von dreißig Tagen neu zu verheiraten. Andernfalls werde sie die finanziellen Unterstützungen an die Familie kappen. Das wäre der Ruin. Und statt um die Hand der Haushaltshilfe Evangeline (Kelly MacDonald) anzuhalten, in der sich Cedric offensichtlich ein wenig verguckt hat, versucht er bei dem obszön-dummen Weibsbild Mrs. Quickly (Eine Mistress Quickly tritt übrigens auch in einigen Shakespeare-Stücken auf. Dort wird ihr Familienname als Verballhornung der Wendung ‚quick lay‘ gelesen, was sich am schnellsten mit ‚Flittchen‘ übersetzen lässt) sein Glück. Die bleibt ihm letztlich und zum Glück erspart.

Sie kam, sie half und ging wieder

Auftritt: Nanny McPhee. Eine finstere, freudlose Gestalt, ähnlich einer Nebelkrähe, bloß mit Warze und überstehendem Schneidezahn. Sie kommt mit einem strikten Regelkatalog, ein fünf Punkteplan „Erziehung für Dummies“. Ins Bett gehen und aufstehen, wenn die Kinder dazu aufgefordert werden, bitte und danke sagen – solche Dinge, Grundlagen. Und wieder wird mit Untertreibungen kokettiert. Was den Kindern nämlich tatsächlich beigebracht wird, während ihnen diese augenscheinlichen simplen Maximen eingetrichtert werden, sind die großen Lektionen des Lebens und Herzens. Für sich und andere Verantwortung übernehmen, einander zuhören, miteinander reden, füreinander da sein und dergleichen mehr.

Cedric Brown: „Just to get dressed when they’re told? I think they learned a great deal more than that.“
Nanny McPhee: „I have five lessons to teach. What lessons they learn is entirely up to them.“

Mrs. McPhee ist ohne Zweifel eine Art Ernst Bloch unter den Kindermädchen. Für den Philosophen war nichts wertvoller am Menschen als seine Unzufriedenheit. Der Mensch als Mangelwesen entwirft Utopien kraft der vielen Defizite, die ihn plagen. Nanny McPhee verkörpert Blochs schwärmerischen Messianismus. Die großen narrativen Vorwärtsbewegungen in diesem Film liegen immer mit den Tiefpunkten zusammen. Und die Figur Nanny McPhee ist ja auch mehr eine Präsenz an sich als ein Kindermädchen. Sie führt zusammen, was zusammen gehört. Nicht, dass Familie Brown vorher ein dysfunktionaler Haufen gewesen wäre. Aber sie hatten vergessen, wie man füreinander am besten da sein kann.

„Nanny McPhee“ ist ein zauberhafter Film, sinnvoll und schön mit einem großen Herz am rechten Fleck. Nicht zuletzt seine dezent-makaberen Töne, unverkennbar gespielt auf der Tim-Burton-Klaviatur, aber mindestens die fabelhafte Besetzung machen diesen sentimentalen Lehrfilm zu einem echten Schmankerl für Groß und Klein.

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