Eine Lanze für die Fantasie: Where the Wild Things Are

Ein Grund, dass zu den größten Abteilungen meiner Filmsammlung die Kategorie Kinderfilme gehört, ist der, dass diese Filme es verstehen, einen mitzunehmen in eine längst vergangene Zeit. Eine Zeit, in der alles noch leicht und sorgenfrei gewesen ist. Eine, in der Erwachsensein noch keine Rolle gespielt hat. Im Fall dieses Films wurde ich gleichzeitig in eine Zeit zurückversetzt, in der ich Jungs ein wenig doof fand. Zu recht, wie es scheint.

Nun muss man aber gleich vorab sagen, dass es gewiss eine Kunst ist, was Regisseur Spike Jonze und sein Team geleistet haben. Die Vorlage ist ursprünglich ein Bilderbuch von Maurice Sendak, kaum 300 Wörter lang, dessen eigentliche Geschichte kaum Stoff geben würde für einen 5-minütigen Kurzfilm. Daraus entstand im Drehbuch eine Geschichte über Fantasie und Freundschaft, die in keiner ihrer 100 Minuten langweilt. An sich eine reife Leistung, die zusätzlich durch ein grandioses Kostümbild und die Digitalisierung dessen unterstrichen wird.

Zuflucht in der Fantasie

Denn der Figurenkatalog besteht neben dem neun Jahre alten Max (Max Records) und seiner Familie vor allem aus Monstern, den Wilden Kerlen, wie sie im deutschen Titel von Buch und Film heißen. Sie trifft Max auf einer Reise, die – wie wir schnell erfahren – nur in seiner Fantasie stattfindet. Nach einem Streit mit der Mutter wirft sich Max in sein Wolfskostüm, verlässt das Haus und sucht Zuflucht in einem kleinen Boot am Flussufer. Von dort aus treibt er später ins offene Meer und zu seiner Fantasie-Insel. Die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Imagination lassen die Filmemacher dabei elegant verschwimmen.

Auf der Insel angekommen, trifft Max auf die Monster, angeführt von dem sensiblen Carol (grandios synchronisiert von James Gandolfini), die ihn erstmal zu ihrem König ernennen und von nun an mit jedem Problem zu ihm kommen. A streitet mit B, C braucht zu Jedermanns Verdruss mal etwas Zeit für sich und D hat plötzlich einen neuen besten Freund als E. Es dauert nicht lange bis Max feststellt, dass er nun genau die Art von Verantwortung tragen soll und muss, die ihn bei seiner Mutter immer ganz besonders nervt. Was ihn am Ende natürlich wieder in seine Kinderrolle und an Mamas Küchentisch treibt.

Schöne Vorbilder…

Und nun das Manko: Was der Film mit den Abenteuern von Max und seinen neuen imaginären Freunden aussagen will, ist an sich eine gute Sache, die jedoch viel zu sehr im Verborgenen bleibt. Zu trotzig und nebulös ist der Charakter des Max, zu tollpatschig gewaltsam seine Monsterfreunde. Als Carol seinem besten Freund Douglas in seiner Wut einen Arm ausreißt, wird das quittiert mit „Hey, das war mein Lieblingsarm!“. In der nächsten Douglas-Szene ist die Auflösung ein Ast mit Zweigfingerchen, der in Douglas‘ Schulter steckt à la Schneemann. Lustig? Irgendwie nicht. Und eine Entschuldigung lässt noch dazu auf sich warten.

Wer als Kind von Abenteuern träumt, träumt ohne Frage auch vom Toben, von konsequenzfreiem Handeln, was hier maßlos übertrieben Darstellung findet. Der industriestaatliche Kindertrend zum Kriegspielen, den ich ohnehin nie verstanden habe, und als Erwachsene noch ein wenig befremdlicher finde, steht im Mittelpunkt. Das Plädoyer nach echter Freundschaft, den ich an anderen Filmen dieses Genres so sehr schätze kommt – zumindest verbal – zu kurz. Ein Film von großen Jungs für kleine Jungs. Schön und gut, aber gebt ihnen doch wenigstens etwas mit auf den Weg, woraus sie etwas machen können…


Von Sandra gab es in dieser Kategorie Nanny McPhee aus dem Hause Emma Thompson, die neben der Titelrolle auch gleich das Drehbuchschreiben übernommen hat. Was Felix zu dieser Auswahl sagt, lest ihr hier.

Sandras Top 3 Picks

Weitere Lieblings-Kinderfilme von Sandra sind:

Peter Pan (P.J. Hogan, 2003)
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Das fliegende Klassenzimmer (Werner Jacobs, 1973)
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The Secret Garden (Agnieszka Holland, 1993)
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