Dichtung und Wahrheit: Stranger Than Fiction

Der Gedankenstrich ist schon ein gewitzter Erzähler. Dieses unscheinbare Satzzeichen spielt mit der Kontinuitätserwartung der Leser wie Chaplins Diktator mit seinem Aufblas-Globus. Mühelos jongliert das schmale Symbol die Realitäten links und rechts von sich und bedeutet dabei weit mehr als Aussparung. Der Gedankenstrich kleidet sich als Mysterium, appelliert an die Teilnahme des Lesers an der Fiktion und steigert die Autorität eines jedes Satzendes. Punkte kann jeder, Gedankenstriche fordern heraus.

Einer der buntesten Hunde unter den Gedankenstrichen stammt aus der Feder von Heinrich von Kleist. In seiner Novelle „Die Marquise von O…“ wird die Marquise von einem russischen Lieutenant vergewaltigt. Die Gräueltat ereignet sich, gänzlich ohne ein geschriebenes Wort, in der Dauer eines Gedankenstrichs. Der Satz bricht ab, der Gedankenstrich verstellt den Blick, die Sprache versagt und wenn der Satz schließlich fortgesetzt wird, ist die Marquise bereits schwanger.

Ein filmischer Gedankenstrich

Marc Forsters „Stranger Than Fiction“ aus dem Jahr 2006 ist ein ganz ähnlicher Geniestreich. Der Film erzählt die Geschichte von Harold Crick, gespielt von Will Ferrell. Die Figur wird anfangs sehr prägnant von einer Stimme aus dem Off vorgestellt, die uns einige Minuten lang durch seinen überaus eintönigen Alltag begleitet. Am Ende des Films gibt es diese Figur nicht mehr, Harold Crick ist ein vollkommen anderer Mensch geworden. Der Film schildert gewissermaßen diese Transformation, den Gedankenstrich zwischen zwei distinkten Realitäten einer fiktiven Figur.

Der Plot in Kürze: Die renommierte Autorin Karen Eiffel (Emma Thompson) ringt mit einem Schluss für ihren neuen Roman. Geplagt von einer Schreibblockade, will ihr einfach kein passender Tod für ihren Protagonisten einfallen, unwissend, dass es ihn, Harold Crick, wirklich gibt. Der hört indessen die Stimme seiner vermeintlichen Schöpferin in seinem Kopf, während Karen Eiffel, wie sie glaubt, sein Leben fabuliert.

Dichtung und Wahrheit

„Stranger Than Fiction“ stellt sehr verschmitzt und geistreich unser Verständnis von Dichtung und Wahrheit auf die Probe. Während die allerersten Zuschauer der Filmgeschichte zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts noch vor dem Spuk auf der Leinwand und den humanoiden Körpern ohne Ausdehnung, die sie beheimatet, ängstlich erzittert sind, ist es über die Zeit selbstverständlich geworden, Spielfilme und gefilmte Fiktion im Kino zu sehen. Und obschon das Kino dann und wann an dem markigen Wall, der die Grenze zwischen Fantasie und Wirklichkeit vorzugeben sich anschickt, gesägt hat, ist doch immer Wahres von Falschem klar getrennt geblieben.

Ob Brüche der vierten Wand, Michael Jordan, der mit Bug Bunny Basketball spielt, die Realitäts-Hybriden des Sci-Fi-Genres oder Woody Allens „Purple Rose Of Cairo“, wo die Hauptfigur eines Kinofilms von der Leinwand hinabsteigt; all diese und viele weitere Beispiele stellen die Dehnbarkeit unseres Begriffs von Fiktion und Realität und davon, was sie dürfen, können und sollen auf die Probe. „Stranger Than Fiction“ überblendet und verschmilzt diese beiden Begriffe.

Sprache versagt

Karen Eiffel, die Narratorin von Cricks Leben, steckt fest und kommt mit ihrem Roman nicht vorwärts. Und für Harold Crick, Romanfigur und Mensch, könnte, nach Jahren im Dienste der US-Steuerbehörde IRS, Sprache nicht fremder sein. Sein zu einer bürokratischen Neurose verkommenes Leben besteht aus Zahlen.

Die Distanz zur Sprache, dem „größten Mittel, sich selbst und andere zu verstehen“, bewirkt für beide eine menschliche und persönliche Isoliertheit. Crick hat Akten zu Freunden und lebt nach dem Diktat seiner Armbanduhr. Eiffel trinkt und raucht und verbringt ihre Tage in Outfits, die Karl Lagerfeld gemeinhin mit Kontrollverlust assoziiert.

Harold Crick darf nicht sterben

Mit der Hilfe von Literaturprofessor Jules Hilbert, Dustin Hoffman verleiht in dieser Rolle dem Film eine kleine Krönung, dechiffriert Crick die Stimme in seinem Kopf. Sie determiniert Cricks Leben nicht, sie begleitet ihn bloß auf seinem Weg. Karen Eiffel erzählt Cricks Leben, ist aber als Erzählerin nicht allwissend. Fest steht: Sobald ihr ein Ende für „ihren“ Harold Crick einfällt, sie den Satz in die Schreibmaschine hackt und mit einem Punk beschließt, ist auch Cricks Schicksal besiegelt.

Es dämmert ihm, dass er sein Dasein zu lang im Autopilot gefristet hat, quasi ferngesteuert und es beginnt sein Ringen um Mündigkeit und Identität. Ging Thoreau in die Wälder, so zieht es Crick in ein Gitarrengeschäft. Dort kauft er eine Gitarre, damit er nicht in der Todesstunde inne würde, dass er gar nicht gelebt hatte.

Als es Crick gelingt, Karen Eiffel ausfindig zu machen und dann auch bei ihr der Groschen fällt, dass ihre Figur ein fühlendes Wesen aus Fleisch und Blut ist, überwindet sie sich, bricht mit ihrer Tradition und schenkt ihrer Romanfigur das Leben. Harold Crick hat seines unterwegs verloren – er beginnt ein neues.

Felix‘ Picks

Für das Cineventure-Kapitel zu brüchigen Realitäten hat Felix „Synecdoche, New York“ von Charlie Kaufman ausgewählt. Hier könnt Ihr Sandras Text über den Film lesen.

Ansonsten hält Felix folgende Filme für unverzichtbar:

Lobende Erwähnungen: The Matrix, Triangle, The Fountain, Herz aus Glas, Twin Peaks

 

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