Weihnachtliche Traditions-Begeisterung: Scrooged

Es ist kein Muss, Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte zu kennen, um ihre 1988 erschienene Hollywood-Adaption Scrooged (dt. Die Geister die ich rief) zu einem der Top-Weihnachtsklassiker zu zählen, der schlichtweg zum Fest dazugehört wie Weihnachtsbaum und Stille Nacht. Vielleicht nimmt es dem Film aber ein klein wenig seines Charmes, die Originalgeschichte am gleichen Abend gesehen zu haben. So jedenfalls geht es mir beim Schreiben dieses Texts, der mir für einen der wenigen Filme dieser Reihe, die ich tatsächlich schon kannte und mochte, erstaunlich schwer fällt.

Die Geschichte um Francis Cross ist dabei sogar ziemlich einfach erzählt: Bill Murrey, TV-Produzent, empathielos, einsam, erhält kurz vor Weihnachten Besuch. Dank seines einnehmenden Wesens natürlich nicht von Verwandten, sondern von einer Zombie-Geist-Mixtur seines ehemaligen Chefs – der ihn zu dem machte was er heute ist – und ihm ganz abgesehen davon filmisch wirksam einen Flug aus dem Fenster beschert. Unversehrt und entgegen jeglicher Logik liegt Cross nach dem ungebetenen Zusammentreffen mit dem alten Bekannten, der ihm die Ankunft dreier Geister verkündet, wieder auf dem Boden seines Büros. Und das ist noch der Teil, an dem ich ursprünglich darüber nachdachte, dass ein bisschen Hollywood der 1843 erschienenen Geschichte ja gar nicht mal schadet.

Scharfe Kurve zum Happy End

Es folgen fulminante Auftritte der Geister der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die Cross zeigen, wo er im Leben falsch abgebogen ist, was diese Tatsache mit seinem Umfeld macht und eben auch wie die Welt ohne ihn aussähe. Ironischerweise läuft zum Zeitpunkt des letzten Zusammentreffens in der Realität bereits ein kürzlich von Cross entlassener Mitarbeiter mit Jagdgewehr Amok und trachtet Cross nach dem Leben. Abgang Geist Nummer drei, scharfe Kurve zum Happy End, der Vorhang… Wenn man das so liest: ein ziemlicher Schmarrn, der da trotz allem zum Kult wurde…

Dabei liegt das Ganze doch erstaunlich nah am Original. Weihnachtsmuffel und ganz und gar Misanthrop trifft Geister, die ihm Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufzeigen, bis hin zum eigenen Tod und der Tatsache, dass die Tränen der Umwelt sich danach in Grenzen halten. Es folgen Läuterung sowie die Spontanheilung des Kindes eines der Angestellten. Und im Fall von Hollywood – wie soll es auch anders sein – das umjubelte Liebes-Happy-End vor doppelreihig aufgestellt laufender Kamera.

Cross vs. Scrooge

Und ja, der Kult um den Streifen hat ja tatsächlich eine Basis. Bill Murrey spielt den Scrooge-Verschnitt Cross herrlich komisch, die misslungene Liebesgeschichte seines Charakters geht trotz völligem Selbstverschulden ans Herz. Dass die Dame am Ende zum fehlgeleiteten Gefühlstollpatsch zurückkehrt, ach ja… man kann es ja irgendwie auch verstehen…

Gerade natürlich mit dem Gedanken an den irgendwie deplatzierten Zylinderträger Ebenezer Scrooge, der die ganze Geschichte in Nachthemd und Zipfelmütze statt im Maßanzug erlebt, zeigt Murrey’s Cross, dass Weihnachtswunder keine Sache der 1840er sind und das Ganze auch in aktuell funktioniert. Scrooged schlägt eine Brücke zwischen Komödie und Feiertagssentimentalität, die trotz etlicher logischer Brüche im Plot funktioniert und als Gesamtwerk zu keinem Weihnachten fehlen darf.

Denn am Ende geht es darum, dass ein Mensch sich ändern, falsche Wege wieder korrigieren kann. Und auch darum, dass gerade zur Zeit der Liebe eine gute Basis da ist, das eigene Sein zu hinterfragen. Ob da die Gegenwart mit dem Toaster zuschlagen muss oder man von selbst darauf kommt, das ist erstmal zweitrangig.

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