Wilder Westen ganz erwachsen: Rio Bravo

Mit coolen Sprüchen, viel Geballer und harten Jungs boten die filmischen Vertreter des Genres Western über die Jahrzehnte gerade Frauen mehr als einen guten Grund kopfschüttelnd zur Fernbedienung zu greifen. Zu Recht oder Unrecht bleibt erstmal dahin gestellt. Nun ist es aber so, dass man kein Genre anhand seiner Klischees bewerten und immer offen bleiben sollte – gerade wenn es am Ende darum geht, darüber zu schreiben. Und so kommt es dann doch immer wieder zu positiven Überraschungen.

Eine solche ist mit „Rio Bravo“ der erste Western, den ich seit Jahren gesehen habe – nach Bud Spencer, Terence Hill und Winnetou, die in meiner wie vielen anderen Kindheiten natürlich eine Rolle gespielt haben. Und natürlich dem „Schuh des Manitu“. Unschwer zu erkennen: Ich hatte wirklich gar keine Ahnung!

Nun gehört Rio Bravo sicherlich nicht zu den Bilderbuch-Vertretern seines Genres, so dass nach Western-Klischees im 1959 erschienenen Streifen von Howard Hawks ohnehin eine Weile gesucht werden muss und stattdessen ein Film entstanden ist, der Seinesgleichen sucht. Für seine Zeit und für seine Thematik.

Gangster hinter Gittern

Die Geschichte ist schnell erzählt: Sheriff John T. Chance (gespielt von John Wayne) schlägt sich seit einer ganzen Weile mit einer Truppe von Gangstern herum, deren Anführer Joe Burdette nicht nur im texanischen Städtchen Rio Bravo für Aufsehen sorgt. Nach einem tödlichen Saloon-Kampf nehmen der Sheriff und sein Deputy Dude (Dean Martin) den Kriminellen fest und sperren ihn hinter Schloss und Riegel bis Verstärkung aus der Stadt Burdette vor Gericht bringt – oder wer auch immer in den Südstaaten des 19. Jahrhunderts für Verbrecher zuständig gewesen sein mag. Die Handlanger des Gangsters und auch dessen steinreicher Bruder lassen das natürlich nicht auf sich sitzen und versuchen bis zuletzt Burdette zu befreien. Ohne Erfolg selbstverständlich – sie haben es schließlich mit John Wayne zu tun.

Was zunächst nach einer klassischen Handlung klingt, hat jedoch einige Besonderheiten aufzuweisen: Zum einen ist es die Rolle von Dean Martin, die dem Film eine Form von Tiefgang verleiht, die in die Gesellschaft der USA der Fünfziger so gar nicht hineinpassen mag, zum anderen die starken Frauenrollen, die ganz abseits von Saloon-Girl-Manier zum Sieg der Guten beitragen. Denn da wäre der Western tatsächlich kein Western, wenn nicht der Gegensatz von schwarz und weiß – gut gegen böse – die Hauptrolle in der Geschichte spielen würde.

Einfach mal Mensch sein

Wobei auch Dean Martin’s Dude damit beschäftigt ist, gut und böse in seinem eigenen Charakter hin und her zu jonglieren. Der Deputy hat eine Vorgeschichte, eine in der er als junger Mann für Recht und Ordnung kämpfte, als schnellster und bester an der Pistole, der dem Sheriff je begegnet war. Dann folgte, was gerne in Geschichten für Charakterwandel sorgt – ein gebrochenes Herz und das Abrutschen in Selbstmitleid und Alkohol. Kaum ein starker, wilder Mann, der im Western nicht mit Trinkfestigkeit glänzt. Kaum einer der in seiner Einführung so stark gedemütigt wird, indem ihm der Böse, Burdette, ihm ein Geldstück in einen der Spuckeimer im Saloon wirft. Das Zittern in den Händen beendet nur das Abtauchen hinterher, das vollständige Sich-zum-Deppen-machen. Dude muss gerettet werden oder das mit dem Retten zumindest selbst hinbekommen. Das ist das eigentliche Übel, das weggesperrt werden muss.

Zu Dudes Geschichte – den Freundschaften die ihn schließlich bei seiner Askese unterstützen – hinzu kommen wie angekündigt auch die Frauenrollen, die so gar nicht die Bilderbuchgesellschaft der erweiterten Nachkriegszeit widerspiegeln. So hat Hotelchef Carlos schonmal so gar nichts zu Hause zu melden, während sich in seinem Hotel eine Dame eingemietet hat, die seine Angetraute in Dreistigkeit noch fast ein wenig überbietet und damit selbst den Sheriff um den Finger wickelt. Alles in allem ein vielschichtiger Streifen, der die Rahmenhandlung Nebensache werden lässt und sich mehr um die Figuren kümmert, von denen er erzählt. Menschen, Schwächen, Frauen und Gangster: alles Dinge die immer zum Western gehören sollten – egal welches Jahrzehnts. Die Fernbedienung könnte man dann ganz gelassen zur Seite legen.

Sandras 3 Picks

Sandra schickte in dieser Kategorie mit Vincente Minellis „Meet me in St. Louis“ ein Musical ins Rennen. Genausowenig Bilderbuchvertreter seines Genres wie „Rio Bravo“ in Sachen Western? Hier lest ihr, was Felix darüber denkt.

Was sonst noch zur Wahl stand:

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