Roman auf Zelluloid: Reds

Was Politik und Liebe gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass beide zuweilen ganz schön kompliziert werden können. Wenn beides in einem Film aufeinander trifft, ist es kaum verwunderlich, dass das Ergebnis – sofern es sich die Zeit nimmt, die die Geschichte benötigt – dann gute drei Stunden dauert. Und Reds nimmt sich ohne Frage sehr viel Zeit, um die Geschichte des real existierenden Journalistenpaars John Reed und Louise Bryant zu erzählen.

Der Film setzt ein beim ersten Treffen der von Warren Beatty und Diane Keaton gespielten Protagonisten. Bryant – zu diesem Zeitpunkt noch gut und konservativ mit einem Zahnarzt verheiratet – ist vom ersten Moment an fasziniert vom jungen Idealisten Reed, der nicht nur theoretisch über die Sinnlosigkeit von Kriegen, über Pazifismus und Sozialismus spricht, sondern als Berichterstatter auch schon an einigen Schlachtfeldern vorbeigekommen ist. Immerhin tobt zu dieser Zeit der Erste Weltkrieg. Eine amerikanische Beteiligung scheint bei aller Kritik in der Bevölkerung kaum vermeidbar. Zwischen all den großen Episoden der Weltpolitik, die der Film alles andere als nebensächlich verpackt mitnimmt, zeigt der Fokus auf die Beziehung zwischen Reed und Bryant, die zwar irgendwie berührt, doch die meiste Zeit mehr als politisches Beiwerk nachgezogen wird. Ist das Ganze in der Realität nur ansatzweise ähnlich abgelaufen, man kann als Frau vor der historischen Figur Louise Bryant nur den Hut ziehen.

Mehr Zeit für Keaton

Denn Mut beweist die Dame bereits, als sie sich zu Filmbeginn außerehelich verliebt, sich darum zu einer Scheidung entscheidet – die kaum im 20. Jahrhundert angekommen – doch alles andere als alltäglich ist. Und es auch selbst 1987 als der Film Premiere feierte noch nicht wirklich war. Bryant galt und gilt als Vordenkerin für die Frauenrechte, für die arbeitende, denkende und mitredende Frau, die kämpft, um mit wirklichen Themen statt „schönen Geschichtchen“ publiziert zu werden. Sie und Reed führen zu Anfang eine offene Beziehung, die in ihrem Fall durch eine Affäre mit dem Dramatiker Eugine O’Neill aus Reeds Dunstkreis in dessen Abwesenheit ergänzt wird. Ähnliches ist selten gut gegangen und sorgt auch im Film für Stunk.

Was die vielen persönlichen Episoden im Film gemeinsam haben, ist die Tatsache, dass sie in meiner Wahrnehmung viel zu kurz kamen um in Sachen Berührungsfaktor so tief anzusetzen, wie die Figuren und gerade auch eine Darstellerin wie Diane Keaton es eigentlich verdient hätten. Das Paar kommt stellenweise daher wie Wolfgang Mozart und Constanze Weber. Trotz tiefer Verbindung, ist er das Genie, um das sich Welt und Gedanken der Angebeteten (und eigentlich auch aller anderen) drehen. Für Gefühlsduselei bleibt im filmischen Romanwerk, in dem es eigentlich um beide Protagonisten gehen sollte, irgendwie oft nur unterschwellig Platz. Und das obwohl er doch eigentlich so sehr darauf bedacht ist, sich die eingangs angesprochene Zeit für die Geschichte der beiden zu nehmen, für die in den drei Stunden auch tatsächlich Raum gewesen wäre.

Meisterwerk für Beatty

Immerhin ist Warren Beatty nicht nur Hauptdarsteller, sondern zusätzlich (Oscar-ausgezeichneter) Regisseur, Drehbuchautor und Produzent in Personalunion. Reds lässt sich so sehr als das Baby eines einzelnen Mannes bezeichnen, wie man es fast nur den Filmen von Charlie Chaplin vor ihm zugestehen kann. Und ohne Frage macht das den Streifen in sich zu einem Meisterwerk, zu der bewundernswerten Errungenschaft eines einzelnen Mannes, der in Reed einen Menschen fand, dessen Geschichte erzählenswert war und immer noch ist. Eine Geschichte, die so sehr von Idealismus geprägt ist, wie man ihn sich in der heutigen Weltpolitik nur herbeisehnen kann. Eine Geschichte jedoch aus einer Zeit, die gerade die Rolle und die Stärke von Bryant doppelt und dreifach unterstreichen und zudem noch mit einer dicken Linie Textmarker hervorheben sollte.

Denn sie ist schließlich auch diejenige, die zurückbleibt, als Reed Opfer der Tatsache wird, dass es im praktizierten Kommunismus am Ende irgendwie immer gegeneinander geht, während die eigentliche Botschaft der Lehre doch immer wieder das Gegenteil betont. Diejenige, die durch Finnland wandert um Reed aus Russland zu holen, wo er sich für einen ursprünglichen Kommunismusgedanken in den USA einsetzt und um Unterstützung der Genossen buhlt. Als Dank bleibt ihm die Ausreise verwehrt, er dient stattdessen als Posterface-Boy, um eigene Ziele und Ideologien möglichst wortgewandt zu verbreiten. Von der Ehre als einer von zwei Amerikanern an der Kreml-Mauer bestattet zu sein, kann sich Reed am Ende auch nichts mehr kaufen. Und Bryant? Sie bekommt selbst am Ende nur die Rolle eingeräumt, die sie eigentlich bequemer vom Kinosessel aus, mit einem Eimer Popcorn statt Worten bewaffnet, hätte haben können. Die der Zuschauerin, deren Einfluss am Ende doch leider sehr überschaubar gewesen ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.