Dramatisches Trio: Ironweed

Es gibt Fragen, die bleiben für den Durchschnittsmenschen ein ewiges Mysterium. Für mich war eine davon immer die über das Schicksal von Obdachlosen. Wie landen Menschen auf der Straße? Warum entscheiden sich Manche dagegen, Chancen zu nutzen, die sie aus der Spirale ausbrechen lassen würden? Und wie um alles in der Welt bestreiten sie ihren Alltag? Fragen, auf die selbst viele Obdachlose wahrscheinlich keine wirkliche Antwort geben könnten und auf die auch das 1987 veröffentlichte Drama Ironweed (dt. Wolfsmilch) in zwei Stunden Filmzeit keine Antworten findet.

Das muss es aber auch nicht unbedingt… Denn die Geschichte, die sich um das Leben des Obdachlosen Alkoholikers Francis Phelan (Jack Nicholson) dreht, soll zuallererst berühren und sensibilisieren und das tut sie ohne Frage.

Die Straße als Bestrafung

Für ihn ist der Weg auf die Straße die logische Konsequenz einer ganz persönlichen Familienkatastrophe, die wohl weniger drastisch ausgefallen wäre, hätten nicht auch vorherige Lebensentscheidungen dazu geführt, dass Francis Phelan mit seinem Gewissen zu kämpfen hat. Neben seinem neugeborenen Sohn, der durch einen tragischen Unfall mit seinem Verschulden starb, hat er auch zwei weitere Männer auf dem Gewissen – aus Notwehr oder falschen Entscheidungen lässt sich selbst für ihn nicht genau ermitteln. Und so sind die einzigen Menschen die er nach über 20 Jahren Straßenleben noch an sich heranlässt seine Weggefährten Rudy und Helen, beide im Übrigen großartig besetzt mit Tom Waits und Meryl Streep.

Und da Ironweed einer der Filme ist, in dem Schlimmes nur Schlimmer werden kann, bekommen wir zumindest einen groben Eindruck von der Abwärtsspirale, in die es für die Menschen auf der Straße gehen kann. Konsequenzen bleiben für keinen aus, außer vielleicht für eine Bürgerwehr, die zeigt wie die Gesellschaft selbst versucht, sich ihres eigenen Randes zu entledigen. Menschen sterben – manche überraschend, andere weniger. Deprimierend zwar, doch genauso eine Form notwendiger Gesellschaftskritik, die es zu erzählen lohnt. Auch weil die Menschen, die wir darin kennenlernen am Ende wichtiger sind als ihre Geschichte.

Das Prinzip Uneitelkeit

Was mich aufgrund des Kontexts, in dem wir den Filmabend mit Meryl Streep eingeschoben haben, jedoch fast ein wenig mehr beschäftigt hat als der Film selbst, ist die Tatsache, dass er die Darstellerin von einer Seite zeigt, die herauszukehren sie sich nie in ihrer Karriere gescheut hat. Die der durch und durch uneitlen Künstlerin. Die alkoholkranke gescheiterte Radiosängerin Helen darzustellen, erfordert neben großem Können vor allem Mut, für den Meryl Streep in über 40-jähriger Karriere bekannt geworden ist. Mut, den sie so regelmäßig beweist, dass es gerade für das klischeemäßig eitle Geschlecht durchaus erwähnenswert ist.

Schuld an der traurigen Tatsache, dass man darüber im 21. Jahrhundert sprechen muss, ist Donald Trump als Vertreter seines Schlages Mann nicht erst seit dem erinnerungswürdigen wie vergessenswerten Tweet am Tag nach der Golden Globe-Verleihung. Meryl Streep, die Frau die es wagte, ihn offen vor halb Hollywood zu kritisieren, sei überbewertet, plärrte er in alle Welt hinaus. In seine Realität passt das wie die Faust aufs Auge, weil er das Prinzip Uneitelkeit weder verstehen noch in irgendeiner Form damit umgehen kann.

Und an dieser Stelle ist ihm die Frau, die in ihrer Karriere 19 Mal für den wichtigsten Filmpreis der Welt nominiert wurde, um Längen voraus, was sich auch im 30 Jahre alten Ironweed zeigt. Auf ihre Schönheit kann Meryl Streep im Gegensatz zu Talent, Einfühlungsvermögen und emotionaler Intelligenz verzichten. Ein klarer Beweis dafür wie unterschiedlich Welten und Wahrnehmungen von Menschen sein können, die –  jeder für sich – in irgendeiner Form Macht auf unsere Gesellschaft besitzen. Bleibt nur zu hoffen, dass die Macht von Kunst und Gefühlen in den kommenden Jahren die Überhand behält.

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