Not nordisch by Nature: Babettes gaestebud

Die Frömmigkeit einer asketischen Sekte an der Küste der dänischen Halbinsel Jütland trifft die Feinschmeckergene einer französischen Hausmagd, die es versteht, durch ein eigens für die Dorfbewohner gezaubertes Festmenü alles durcheinander zu bringen. So oder so ähnlich lässt sich der Plot der 1987 erschienenen Verfilmung der Novelle von Karen Blixen in aller Kürze zusammenfassen. Das Ganze trägt in der deutschsprachigen Fassung den Titel Babettes Fest, spielt im 19. Jahrhundert und kommt in seiner ganzen Machart äußerst europäisch daher.

So auffällig europäisch, dass es die Kritiker womöglich „too low-budget“ genannt haben mögen, als 1987 die Oscar-Vergabe in der Kategorie „bester ausländischer Film“ diskutiert wurde. „Hochkarätig“ werden womöglich die Befürworter gesagt haben, die sich in der Entscheidung auch schließlich durchsetzten. Und das war vor allem für die dänische Filmbranche, die damit ihre erste Auszeichnung der Academy erhielt, eine mittlere Sensation.

Verzichten groß geschrieben

Kernthema im Film ist der Umgang mit Enthaltsamheit und Verzicht – Begriffen, die im Haushalt der beiden Pastorentöchter Martina und Philippa groß geschrieben werden. Der Vater der beiden, einst Gründer der pietistischen Sekte in einem kleinen Fischerdorf, ist längst tot, hat aber dennoch im Leben beider Töchter Spuren hinterlassen – zumindest in der Tatsache, dass beide bis ins mittlere Alter unverheiratet und kinderlos leben und stattdessen sein Erbe in der Gemeinde angetreten haben. Unter ihrer Führung wird auch noch kurz vor dem Tag, an dem der Pastor 100 Jahre alt geworden wäre, regelmäßig gebetet und gesungen, zu ihrem Leidwesen zwischen den Gemeindemitgliedern aber auch mächtig gestritten. Askese macht unzufrieden… Das wäre eine Art, die Geschichte des Dramas vor dem namensgebenden Festmahl zu interpretieren…

Um den Verzicht geht es jedoch auch bei ihrer Hausmagd Babette, die aus dem aufständischen Frankreich Richtung Norden flieht, nachdem sie in der Heimat alles verloren hat. Für die Köchin steht nun Brotsuppe statt Wachteln und Schildkrötensuppe auf dem Küchenplan – zum Glücklichsein gehört trotz aller Genügsamkeit selbst bei ihr mehr.

Verschiedene Blickwinkel

Was Babette am Ende doch noch glücklich macht (womöglich für einen letzten Abend?), ist die Entscheidung, einen Lottegewinn aus der Heimat mit den neuen Nachbarn zu teilen. Das geschieht indem sie allen ein Festmahl auftischt, das nach Erscheinen des Films unzählige Male in Gourmetküchen nachgekocht wurde. Die erste Reaktion der Bekochten, das Geschenk zu Ehren des Pastor-Geburtstages anzunehmen, jedoch aufgrund ihres Glaubens keine dieser teuflischen Genüsse im Kopf zuzulassen, bleibt ein frommer Wunsch, was ironischerweise auch die festgefahrensten Streitereien in der Gruppe für mindestens einen Abend zu versöhnen weiß.

Dass der Film und seine Botschaft dennoch verschiedene Interpretationen zulassen, die sich schwer von meiner obigen These unterscheiden, zeigt eine 90er-Jahre Entscheidung aus dem Vatikan, nach der Babettes gaestebud auf die Filmliste des Vatikans aufgenommen wurde. Mit einer zusätzlichen lobenden Erwähnung in einem päpstlichen Lehrschreiben Anfang 2016 wurde der Film überhaupt der erste, dem je diese Ehre zu Teil wurde. Ein Beweis, das man in vielen Geschichtsbüchern gleichzeitig Geschichte schreiben kann.

Und auch dafür, dass die persönliche Sichtweise beim Filmeschauen doch immer noch alles ist.

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